Goldnest aus Schule gestohlen: So begründet der Richter das Urteil gegen den Angeklagten




Goldenes Vogelnest (Archiv): Längst eingeschmolzen?


Goldenes Vogelnest (Archiv): Längst eingeschmolzen?


Foto: Lorenz Vossen / Berliner Morgenpost / dpa

Seine Verzweiflungsrufe sind noch draußen auf dem Flur des Gerichts zu hören. »Ich bin unschuldig«, ruft Munyr F. Er schluchzt und flucht auf Arabisch, während immer mehr Justizbeamte in Saal B218 des Amtsgerichts Berlin-Tiergarten strömen. Das Urteil trifft das 20 Jahre alte Mitglied eines Clans unerwartet. Dass er den Gerichtssaal an diesem Montag nicht mehr als freier Mann verlassen wird, damit hat er nicht gerechnet.

Nach Überzeugung des Gerichts hat Munyr F. mit mindestens einem weiteren Täter in der Nacht auf den 15. Mai 2019 ein goldenes Vogelnest aus einer Biesdorfer Grundschule im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf gestohlen. Der Vorsitzende Richter Andreas Dietz, eine Schöffin und ein Schöffe verurteilen den jungen Mann unter anderem wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in einem besonders schweren Fall zu einer Jugendstrafe von viereinhalb Jahren. Das Gericht folgt damit der Forderung der Staatsanwaltschaft. In das Urteil ist eine frühere Verurteilung eingeflossen, rechtskräftig ist es noch nicht. Die Verteidigung hat Rechtsmittel angekündigt. Munyr F.s Anwälte hatten Freispruch gefordert.

Die Diebe kamen kurz nach Mitternacht. Mindestens zwei Täter schlugen eine Fensterscheibe ein, öffneten das Fenster und drangen ins Foyer der Grundschule ein. Das Goldnest lag in einer mehrfach gesicherten Glasvitrine. Die Diebe beschmierten eine Kamera mit schwarzer Farbe, zerstörten mit Axt und Spezialsäge das Sicherheitsglas der Vitrine und entwendeten das Kunstwerk. Der Künstler Thorsten Goldberg hatte das 841 Gramm schwere Nest aus 74 Ästen aus massivem Feingold geflochten. Das Gericht geht von einem Materialwert in Höhe von 30.000 Euro aus.

»Der Verdacht hat sich im Endeffekt bewahrheitet.«

Andreas Dietz, Vorsitzender Richter

Am Griff des Fensters, durch das die Diebe in die Schule kamen, fand sich DNA des Angeklagten, »eine eindeutige Spur«, sagt der Richter. Auf Bildern, die die mit Farbe beschmierte Kamera dennoch aufzeichnete, sind Täter mit Handschuhen zu sehen. Das Gericht geht davon aus, dass auch Munyr F. Handschuhe trug, als er das Fenster öffnete. Seine DNA habe an dem Handschuh geklebt, meint das Gericht. Wahrscheinlich sei seine DNA an den Griff gelangt, weil er sich zuvor mit der behandschuhten Hand ins Gesicht gefasst hatte. »So wie jetzt auch«, sagt der Richter und deutet auf den Angeklagten. Munyr F. sitzt mit gesenktem Kopf und einer Hand an der Stirn auf der Anklagebank.

Wenige Tage vor der Tat hatten Polizisten den damals 18-Jährigen zusammen mit seinem zehnjährigen Bruder und einem 19 Jahre alten Mitglied des Berliner Remmo-Clans an der Schule beobachtet. Munyr F. schaute ins Gebäude. »Es gibt keinen plausiblen Grund, weshalb er an der Schule war«, sagt der Richter. Es sei denn, er spähte den Tatort aus, wovon das Gericht ausgeht.

Das Gericht sieht es zudem als erwiesen an, dass Munyr F. wenige Stunden vor der Tat in einem Baumarkt Handschuhe und Lackspray kaufte, wie sie in der Schule zum Einsatz kamen. Munyr F. wurde damals observiert. Die Ermittler rechneten aufgrund seiner zahlreichen Vorstrafen damit, dass er wieder straffällig wird. »Der Verdacht hat sich im Endeffekt bewahrheitet«, stellt Richter Dietz fest. »Wäre die Observation ein paar Stunden länger gegangen, wäre er in flagranti erwischt worden.«

Munyr F. habe als Erster und Einziger in seiner Familie eine Ausbildung abgeschlossen, sagt die Verteidigung

Die Verteidigung, die Vertreterin der Jugendhilfe, auch sein Bewährungshelfer haben sich am Montag für den Angeklagten eingesetzt. Munyr F. sei auf einem guten Weg, sagen sie. Er habe als Erster und Einziger in seiner Familie eine Ausbildung abgeschlossen. Er gehe einer legalen Arbeit nach und sei in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr straffällig geworden.

Die Schuld des Angeklagten sei nicht erweisen, sagt die Verteidigung. Der Handschuh mit seiner DNA könne auch von anderen genutzt worden sein. »Die Handschuhe könnten auch aus seinem Haushalt stammen. Es ist ja nicht so, dass dort nur Menschen leben, die nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind.« Munyr F. lebt noch bei seinen Eltern. Verteidiger Olaf Franke betont, dass eine Gefängnisstrafe ein fatales Signal für den Angeklagten wäre, der sich um eine bürgerliche Existenz bemühe: »Die Gesellschaft will dich nicht. Du hast einen falschen Namen.«

Das Gericht lässt das nicht gelten. »Was sollen wir machen?«, fragt der Richter. Es ist als rhetorische Frage gemeint. »Er hat es in den letzten fünf Jahren nie geschafft, völlig straffrei zu leben.« Gemeinsam mit anderen klaute er Zigaretten, Kleidung, Handys, er schlug einem Mann ins Gesicht und beleidigte Polizisten. Als das Goldnest aus der Schule verschwand, stand er unter Bewährung.

»Das Goldnest wird in der Zwischenzeit längst eingeschmolzen sein.«

Andreas Dietz, Vorsitzender Richter

Den Diebstahl des Goldnestes wertet das Gericht als Schritt in die falsche Richtung. »Wir unterhalten uns nicht über ein geknacktes Auto.« Bei dem Diebstahl des Kunstwerkes aus der Schule sei Spezialwerkzeug zum Einsatz gekommen, das nicht im freien Handel erhältlich ist. Für das Gericht ist die Beschaffung eines solchen Werkzeugs ein Indiz für eine besorgniserregende Entwicklung. »Hier bewegen wir uns im Bereich der Hochkriminalität.«

Wer der oder die Komplizen waren, ist unbekannt. Munyr F. hat vor Gericht geschwiegen. Der Verdacht gegen ein Remmo-Mitglied ließ sich nicht erhärten. Das Nest blieb verschwunden. »Das Goldnest wird in der Zwischenzeit längst eingeschmolzen sein«, sagt der Richter.

Das Gericht erlässt am Montagabend Haftbefehl gegen Munyr F. Seinen Fluchtimpuls hat er wenige Minuten zuvor unter Beweis gestellt. Als der Richter die Höhe der Strafe verkündete, sprang er auf und lief zur Tür. Drei Justizbeamte versperrten ihm den Ausgang.

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