Spielvereinigung Greuther Fürth: Aufstieg der Tellerwäscher

Von Thomas Gröbner, Fürth

Wenn man das Wunder planen wollte, dann konnte es ja für die Hauptrolle gar keine andere Besetzung geben als Dickson Abiama. Niemand in Fürth könnte das von Trainer Stefan Leitl ausgerufene Fußballwunder besser verkörpern als der 22-jährige Nigerianer aus der Millionenstadt Lagos. Und weil der Fußballgott – Allmächd – dieser Tage wohl auch ein wenig fränkisch spricht, klappte der Aufstieg tatsächlich: trotz Rückstand gegen Düsseldorf, trotz Unterzahl. Beim 3:2-Sieg der Fürther traf Abiama zum Sieg, der die Fürther auf Platz zwei hievt und die Franken in Liga eins bringt, erst zum erst zweiten Mal in der Geschichte der Spielvereinigung.

Kurz die Eckdaten, um die Fallhöhe für den Fürther Aufstieg auszuloten: Der Spieler-Etat von 8,5 Millionen Euro ist in der Liga eigentlich kaum konkurrenzfähig, zudem stellt die Spielvereinigung die jüngste Mannschaft aller Vereine. Und trotzdem lobte jeder Gegner den famosen Stil, mit dem die Elf von Stefan Leitl sich nun das Recht erspielt hat, sich zumindest für 34 Spiele zur Spitze des deutschen Fußballs zu zählen – was der Trainer zuvor noch als “Wunder” eingeordnet hatte. Der Aufstieg der Fürther dürfte die Schwergewichte der Liga wie den Hamburger SV ins Grübeln bringen, deren Millioneninvestitionen beim Versuch, sich in die Bundesliga zurückzuwuchten, nur so verpuffen.

Dabei sah es am Samstag zunächst nicht nach Wunder aus, sondern nach dem irdenen Gang der Dinge. Die Düsseldorfer würgten das Angriffsspiel der Fürther routiniert ab und gingen durch Christoffer Peterson (26. Minute) in Führung. Obwohl es für die Fortuna um nichts mehr ging, hatte Düsseldorf Lust, den Spielverderber zu geben, das musste die Spielvereinigung früh spüren. Und nachdem Schiedsrichter Harm Osmers das harte Einsteigen von Fürths Abräumer Anton Stach gegen Shinta Appelkamp mit einem Platzverweis bestrafte (45.), schien die Hoffnung auf den direkten Aufstieg nur ein frommer Wunsch. Tabellenführer Bochum (gegen Sandhausen) und Kiel (gegen Darmstadt) führten beide mit 1:0, Fürth brauchte ja einen Ausrutscher der Konkurrenz.

Die knifflige Frage war dann: Sollte Stefan Leitl seine Spieler schonen für die wohl anstehenden Relegationsspiele gegen den 1. FC Köln? Oder in Unterzahl auf die Wende hoffen und auf Schützenhilfe von Sandhausen und Darmstadt? Leitl, das darf angesichts der folgenden 45 Minuten durchaus als gesichert gelten, wollte an die Fügung glauben.

Und tatsächlich: Kapitän Branimir Hrgota glich per Foulelfmeter nach einem Handspiel aus (53.), Düsseldorf schlug in Person von Shinta Appelkamp zwar umgehend zurück, doch Fürth glich durch Julian Green erneut aus (69.). Dieses Tor öffnete die Tür zur ersten Liga, weil der Ex-Fürther Serdar Dursun parallel für Darmstadt gegen Kiel zweimal traf. Und dann kam Dickson Abiama.

Vor drei Jahren spielte Abiama noch in der Kreisklasse Nürnberg/Frankenhöhe

Abiama ist für Stefan Leitl der Mann für besondere Momente, er wechselt ihn gerne spät ein und wird selten enttäuscht. Abiama trägt die Stutzen gerne wie Thomas Müller: Sie finden an den Waden keinen Halt und rutschen bis zu den Knöcheln. Abiama hat wie Müller aber auch ein Talent dafür, in besonderen Momenten am richtigen Ort aufzutauchen, er ist deshalb der beste Joker der Liga. Nach einem Düsseldorfer Ballverlust kam dann wieder so ein besonderer Abiama-Moment: Er lief er alleine auf Schlussmann Florian Kastenmeier zu, und traf, als wäre es eine Kreisklassenspiel gegen die Sportfreunde Großgründlach (83.). Sein fünftes Joker-Tor markiert den Schlusspunkt einer atemberaubenden Entwicklung.

Vor drei Jahren hat Abiama noch für die SpVgg Mögeldorf in der Kreisklasse Nürnberg/Frankenhöhe, Staffel 4 gespielt. Über den Landesligisten Quelle Fürth und den Bayernligisten SC Eltersdorf kam er 2020 zum Kleeblatt. Manager Rachid Azzouzi erkannte sein Talent gleich, als Abiama in einem Testspiel gegen Fürth traf, und stattete ihn sofort mit einem Vertrag aus. Von der Kreisklasse in die Bundesliga in nur drei Jahren: Es ist eine Tellerwäscher-Geschichte, die das Herz wärmt im oft so kühlen Fußballbetrieb, in dem immer seltener die Kleinen die Großen ärgern.

Das darf auch für das ganze Fürther Team gelten, das eine erstaunliche Mischung ist aus Eigengewächsen und Spielern, die auf den zweiten Bildungsweg nochmal die Chance suchen, sich in der Bundesliga zu beweisen. Der ehemalige Guardiola-Schüler und FC-Bayern-Spieler Julian Green fand nach dem Abpfiff dann die richtigen Worte: “Vor der Saison hat jeder gesagt: Mit der Mannschaft wird’s schwer. Aber am Ende haben wir es gepackt.”

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